Werner Jacob
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Werner Jacob (1938 - 2006)

 

„Ich war nie ein modischer Komponist.Ich wähle sehr gezielt aus und bin dann auch geschmäcklerisch und huldige nicht unbedingt dem Zeitgeist. Aber damit habe ich nie Schwierigkeiten gehabt, eher die anderen mit mir“.

Werner Jacob gehörte zu den seltenen Künstlern, die geradezu mit Genuss den sonst eher gefürchteten Platz zwischen allen Stühlen einnehmen. Viel wesentlicher, als zu einer Gruppe oder „Schule“ zu gehören, schien es dem von Unruhe und Neugier Erfüllten immer, ungehindert seiner unerschöpflichen Experimentierlust nachgehen zu können.

Aufgewachsen in der thüringisch-sächsischen Kantorentradition, neigte Jacob doch nicht dazu, sich einem wie immer gearteten Neobarockismus anzuschließen und sich als Kontrapunktiker abstempeln zu lassen – obwohl er natürlich das Handwerk des Kontrapunktischen meisterlich beherrschte. Aber auch die Entwicklungen der Darmstädter Schule, die der Student und Schüler Fortners miterlebte, waren ihm zu einseitig: Vor den seriellen Zahlenspielereien fehlte dem mathematisch-physikalisch Vorgebildeten der nötige Respekt. Nicht, dass er nicht selbst Reihentechniken aufgegriffen und seinen Zwecken angepasst hätte – doch auch sie dienten ihm (wie der Kontrapunkt) nur als Mittel zum Zweck. Die Konstruktionen sollen zwar stimmen – aber nicht zu offen daliegen. Jacob setzte sie nicht als äußeres strukturbildendes Element ein, sondern nur als Gerüst. Er verglich das mit der Statik eines Hauses: Auch hier gibt den schönen Eindruck das Haus, nicht die Statik, die es zusammenhält. Man kann sie zwar sichtbar machen – aber Jacob liebte es nicht, die „Stahlgerippe“ zu zeigen. „Fränkische Butzenscheiben-Romantik“ schätzte er allerdings ebenso wenig. Musik war ihm wesentlich Expression – doch den Weg der jüngeren Generation, den Rückgriff auf Elemente des 19. Jahrhunderts, hielt er trotzdem nicht für gangbar.

Letztlich steht dahinter sein Verständnis von Musik: Musik als Teil einer größeren Einheit, einer „Ganzheit“. Wie für die Theoretiker des Mittelalters war auch für ihn Musik ein Teilbereich der Philosophie – fragwürdig allerdings sofort, sobald der Musik erst im Nachhinein eine Philosophie übergestülpt wird. Die Einheit war ihm von vornherein gegeben, war immanent.

 Dabei hat sich heutzutage natürlich das Gewicht verschoben hin zur Philosophie der Naturwissenschaften. Am reizvollsten erschienen Jacob auch hier die Grenzbezirke, die Zwischenbereiche. Spezialisierung ist ein denkbarer Weg, war aber auf die Dauer für solch unruhigen Geist viel zu monoton. Das galt nicht nur für den Komponisten, sondern ebenso für den Organisten, den Interpreten Jacob: Auch er mochte sich weder auf einen Stil noch auf eine Zeit festlegen lassen. Er wollte weder als Bach- oder Reger-Spezialist gelten noch als Vertreter der Moderne, sondern wechselte zwischen allen Gebieten. Der Universalist, das barocke Vorbild des „wissenden Musikers“ war ihm das erstrebenswerte Ziel. Wesentlich war für Jacob der „Ausdruckswille“. Zu ihm fügte sich je eine bestimmte Schreibart, die Lösung einer Fragestellung – es entsteht eine unterschwellige Wechselbeziehung. Oft stellte sich heraus, dass ein Problem mit einer Komposition noch nicht abgehandelt war, so dass es mehrerer Werke bedurfte, um es erst dann abzulegen. Zeitlich nahe beieinander liegende Kompositionen gehören bei Jacob deshalb meist auch innerlich zusammen.

 Jacob wählte seine Mittel streng aus: Er fuhr zwar, wie er sagte, manchmal gerne zweigleisig und ließ es dann zum Zusammenstoß kommen - oder auch zur Verschmelzung. Aber er vermengte nicht willkürlich alle möglichen Mittel. Für jedes Stück fand er seine besonderen Ideen, seine „Bahnen“, die er dann spurgetreu einhielt. Gerne griff er dabei auf Anregungen aus der Musik früherer Jahrhunderte zurück, auf alte Choräle oder auf gregorianische Melodien, auch auf Kompositionsweisen der alten Niederländer, um sie in seine Tonsprache zu integrieren. Das ist bei ihm aber keine Collage- oder Zitattechnik, sondern der Versuch, das Alte wirklich zu adaptieren, in seine eigene Sprache zu übersetzen. Es ist die Vorstellung, die gesamte Musikgeschichte zur Verfügung zu haben: zeitlos, nicht-terminiert, um die aus ihr gewonnenen Anregungen dem eigenen Spektrum einpassen zu können.

Mit eigenen Kompositionen für die Orgel als Soloinstrument hielt sich Jacob immer zurück. In den wenigen Stücken stellte er sich aber in besonderer Weise den Problemen des eigenen Instruments und fand dabei (teils im „Wechselspiel“ mit seinem Freund Bengt Hambraeus) exemplarische neue Möglichkeiten, neue Techniken und neue Klangfarben. Zusammen mit Siegfried Fink begann er als erster, Stücke für Orgel und Schlagzeug zu spielen und später auch zu komponieren. Allerdings empfand er die Instrumente dann nicht als Solostimmen, sondern (wie etwa in Attorno al la) als Klangfarben, als Möglichkeit, Übergangsfarben und –farbwerte zwischen den Instrumenten zu finden, aus dem fixierten Ton ins Geräusch zu gleiten und umgekehrt. Auch die Möglichkeiten der Elektronik nutzte er in diesem Sinne.

 Viel hat er mit Clustern experimentiert, und dies nicht nur auf der Orgel. Auch für andere Instrumente bis hin zu den Singstimmen hat er sie in unzähligen phantasievollen Variationen eingesetzt. Aber auch sie haben sich dem unterzuordnen, was ihn immer wieder besonders fesselte: die intervallische Struktur. Jacob hatte nie Schwierigkeiten, zwischen den „wildesten“ Clustern auch einen reinen Dreiklang einzubinden – beide sind dann einer Form des Harmonischen (meist: einem Modus) subsumiert, die sich nicht als funktional, sondern als tonzentral versteht. Doch auch hier experimentierte Jacob lieber, als dass er ein festes System entwickelte.

Jacob hat große Kirchenmusikwerke geschrieben, vor allem sein Requiem und die Kirchenoper Tempus Dei – des Menschen Zeit. Doch war er nie nur Kirchenmusiker. Davon zeugen neben den Kammermusikwerken vor allem zahlreiche große weltliche Werke bis hin zur Oper Graf Öderland nach Max Frisch. Immer wieder finden sich zwischen den großen Werken Jacobs (ähnlich wie bei dem von ihm verehrten Max Reger) aber auch kleine Stücke eingeschoben – sehr oft sind es Chorsätze. Jacob nannte sie „seine Art von Streichquartetten“ – hier vor allem, im relativ eng umgrenzten Rahmen, probierte er gerne ganz neue Ideen aus.

So offen Jacob allen Stilrichtungen gegenüber war, so experimentierfreudig er Anregungen aus den verschiedensten Ecken aufgriff: Eklektizismus war seine Sache nicht. Letztlich brachte er alles in die eigene (gar nicht mystisch verstandene) „Aura“ ein – oder, wie er selbst handfester sagte: “Die Ausdrucksebene, die bleibt einem doch immer, so wie die eigene Haut – die beult sich da und dort zwar mal aus, aber ändern oder gar abstreifen lässt sie sich nicht.“

 

 

Werner Jacob  |  info@ion-musica-sacra.de